Wortakzent: Lange Wörter (Zusammengesetzte Nomen) | Deutsche Aussprache verbessern | Wortschatz C1

VonBenjamin

Wortakzent: Lange Wörter (Zusammengesetzte Nomen) | Deutsche Aussprache verbessern | Wortschatz C1

Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung, Finanzdienstleistungsunternehmen … Das Deutsche ist bekannt für lange Wörter. In der heutigen Deutschstunde lernt ihr alles, was ihr über den Wortakzent im Deutschen bei zusammengesetzten Wörtern (Komposita) wissen müsst.

Transkript:

Die deutsche Sprache ist ja bekannt für ihre langen Wörter. Heute schauen wir uns ein paar dieser zusammengesetzten Wörter genauer an, ihr lernt lange, zusammengesetzte Wörter, die ihr auch wirklich benutzen könnt und ich zeige euch auch, auf welchem Teil dann der Wortakzent, also die Betonung liegt. Dazu bekommt ihr von mir zwei Regeln für den Wortakzent in zusammengesetzten Wörtern sowie ganz am Ende des Videos einen ganz wichtigen und simplen Trick. Bleibt also auf jeden Fall dran.

Hallo liebe YouTube-Deutschlerner!
Es geht heute also wie bereits angekündigt um zusammengesetzte Wörter. Man nennt sie auch Komposita. Singular: das Kompositum. Plural: die Komposita. Das können nicht nur Nomen, sondern auch Adjektive sein, oder auch Verben sogar.

So, und die erste Regel, die ich euch heute gebe, bezieht sich auf die häufigste Art von Komposita, nämlich Nomen. Nomen, die aus zwei Teilen bestehen, von denen der erste Teil den zweiten Teil näher bestimmt. Und in solchen Komposita wird der erste Teil betont. Das klingt jetzt sehr kompliziert, aber ich gehe mal davon aus, dass die meisten von euch das schon intuitiv automatisch richtig machen. Schauen wir uns dazu mal die folgenden fünf Beispiele an:

der Autoschlüssel, die Straßenbahn, das Ladekabel, umweltfreundlich, fehlerfrei.

Ja, wir betonen hier jeweils den ersten Wortteil, weil der ja den zweiten genauer beschreibt. Also, hier liegt ein Schlüssel, ja, ich weiß, dass das irgendein Schlüssel ist, aber ich weiß nicht genau, was für einer, wozu der gehört, also frage ich: was ist das für ein Schlüssel? Das ist mein Autoschlüssel. Aha, das ist mein Autoschlüssel.

Macht Sinn, oder? Also ich betone Auto, weil Auto den Schlüssel genauer definiert. Ja, oder bei den Adjektiven: umweltfreundlich, also etwas ist freundlich für die Umwelt. Wofür ist es freundlich? Für die Umwelt. Oder fehlerfrei: frei von was? Von was ist es frei? Frei von Fehlern. Fehlerfrei, also auch der erste Teil betont.

Umfangreiche Kapitel zur Aussprache und Betonung in der deutschen Sprache, das ist ja wirklich ein ganz komplexes Thema, gibt es in meiner Online-Akademie. Wenn ihr gerne Mitglied werden wollt, dann schaut ganz einfach mal auf meiner Webseite vorbei. Den Link findet ihr unter dem Video.

So, und das, was wir jetzt eben besprochen haben, das gilt auch für Verben. Warum betont man z.B. das Präfix bei trennbaren Verben? Weil das Präfix bei trennbaren Verben auch alleine eine Bedeutung hat und das Stammverb genauer definiert.

abmachen – Ja, ich habe hier einen Krümel oder irgendwas und was mache ich? Ich mache ihn ab. Ja, jetzt ist er ab. Vorher war er noch dran, jetzt ist er ab. Also dieses Präfix ab hat auch ohne das Verb abmachen eine Bedeutung. Deshalb muss ich es betonen. Das Präfix bestimmt dieses Verb genauer.

aufmachen – Was mache ich mit dem Fenster? Ich mache es auf. Ja, und dann ist es auf. Das Fenster ist auf. Es ist offen, ich kann auch sagen: es ist auf.

usw.

Ja, und bei nicht trennbaren Verben, z.B. behandeln, betonen wir das Präfix deshalb nicht, weil es alleine nichts bedeutet, ja, be- hat keine Bedeutung, allemal eine grammatikalische Funktion, ja, aber keine Bedeutung, also alleinstehend hätte das keinen Sinn. Deshalb betont man bei nicht trennbaren Verben eben nicht das Präfix, sondern den Verbstamm.

So, das war also die erste und, ich würde mal sagen, auch die einfachste und intuitivste Regel. Als nächstes schauen wir uns mal diese Wörter hier an bzw. diese kurzen Phrasen:

die Fotos sind schwarz-weiß, an der deutsch-polnischen Grenze, ein naturwissenschaftlich-technischer Studiengang.

Im Gegensatz zu den anderen Beispielen sehen wir ja hier, dass diese beiden Teile jeweils gleichrangig sind, also der eine Teil beschreibt nicht irgendwie den anderen näher oder so. Er definiert nicht den Zweiten ja, z.B. schwarz-weiß, also das ist ja keine schwarze Form von Weiß, sondern die Fotos, in dem Fall, sind eben sowohl mit schwarzer als auch mit weißer Tinte gedruckt worden. Ja, oder die deutsch-polnische Grenze. Deutsch-polnisch ist ja keine besondere Form von polnisch, keine deutsche Form von polnisch, sondern die Grenze liegt einfach zwischen Deutschland und Polen, also auch hier sind die beiden Teile gleichrangig. So, und in solchen Komposita betonen wir den letzten Teil. Ich sage hier bewusst den letzten Teil, weil das auch gilt, wenn wir das unendlich fortsetzen, ja, z.B. die Deutschlandflagge ist schwarz-rot-gold. Betonung auf gold.

Und da sind wir schon beim nächsten Punkt, nämlich: wie sieht es nun aus, wenn ich mehrere Teile habe, also nicht nur 2.

Zum Beispiel bei der Haftpflichtversicherung. Das ist eine Versicherung, die man abschließt, um sich selbst zu schützen, und zwar für den Fall, dass man einen Gegenstand, ja, etwas, das jemand anderem gehört, dass man das beschädigt oder sogar zerstört, natürlich aus Versehen. Ja, z.B. bin ich mal mit einem Freund von mir unterwegs gewesen, wir waren wandern gewesen und ich hatte mein iPad mitgenommen und habe das bei ihm in den Rucksack getan. So und er hatte logischerweise noch andere Sachen in seinem Rucksack und als ich das iPad dann wieder rausholen wollte, war der Display halt komplett kaputt, ja, und das war ja natürlich nicht meine Schuld, es war also eigentlich die Schuld von ihm, ja, und dann haben wir das so geregelt, dass eben seine Haftpflichtversicherung diesen Schaden übernommen hat, also ich habe dann von seiner Haftpflichtversicherung halt einen Teil des Kaufpreises von dem iPad zurückbekommen als Schadensersatz.

So, aber zurück zu dem Wort: da haben wir 3 Teile. Und auch hier wenden wir eigentlich wieder die Regel an, die ich euch am Anfang gegeben habe, auch wenn das mehr als 2 Teile hier sind. Also wir haben eben eine Versicherung. Und was ist das für eine Versicherung? Eine Reiseversicherung? Nein, eine Haftpflichtversicherung. Das heißt, Versicherung ist unbetont, das davor ist betont. Weil das davor die Versicherung genauer definiert. Jetzt müssen wir noch wissen: betonen wir Haft oder Pflicht? Und dann machen wir genau dasselbe: Wir haben eine Pflicht, ja, und was ist das für eine Pflicht? Eine Haftpflicht. Also die Pflicht, für einen Schaden, den man verursacht hat, zu haften. Wir betonen also insgesamt in dem ganzen Wort nur die Silbe Haft.

So, jetzt schauen wir uns mal an, was sind eigentlich Busse, Bahnen, Autos? Das sind doch Fahrzeuge. Das Fahrzeug. Das ist also eine Sache, ja, Zeug sozusagen, das man zum Fahren benutzen kann. Also erste Silbe betonen. Und Fahrzeuge, die einen Motor haben, und nicht auf Schienen fahren, nennt man Kraftfahrzeuge. Was sind das also für Fahrzeuge? Kraftfahrzeuge. Wieder die erste Silbe betont. Der Wortakzent verschiebt sich dann also, je mehr ich ins Detail gehe, ja. Zuerst Fahrzeug, da betone ich „Fahr“, aber dann Kraftfahrzeug. Dann betone ich „Kraft-“ So, und wenn ich jetzt einen Schaden verursache, aber nicht an irgendeinem Gegenstand von jemandem, sondern an dem Auto von dieser Person, also an dem Kraftfahrzeug von dieser Person, dann würde mir eine Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung helfen. Wieder betone ich den allerersten Wortteil.

Ja, weil in all diesen Fällen wir immer wieder mit dem ersten Wort das Wort danach genauer definiert haben. Also:

So, d.h. alles geht eigentlich immer wieder auf diese ersten beiden Regeln zurück. Wenn ich ein Kompositum habe, bei dem ein Teil den anderen Teil oder die anderen Teile genauer definiert, dann betone ich eben genau diesen Teil. Ja, das haben wir jetzt gesehen. Und das gilt beispielsweise auch für das Wort, was ich euch auch eingangs gezeigt habe:

Ja, wir haben erst mal eine Leistung, genauer gesagt eine Dienstleistung, wir betonen hier also Dienst. Noch genauer gesagt eine Finanzdienstleistung, in diesem Wort betonen wir dann also Finanz. Und dann haben wir ja ein Unternehmen und was ist das für ein Unternehmen? Ein Finanzdienstleistungsunternehmen. Also betonen wir nicht Unternehmen, sondern den kompletten ersten Teil. Und gerade eben haben wir ja festgestellt, dass wir in diesem kompletten ersten Teil Finanz betonen, also Finanzdienstleistungsunternehmen.

So, also eben wieder die erste Regel.

Wenn nun aber eben alle Teile gleichrangig sind, dann betone ich halt den letzten Teil. Ja, und manchmal kommt es auch zur Kombination von diesen beiden Regeln, z.B. hier: das Vater-Sohn-Wochenende.

Was ist das für ein Wochenende? Ein freies Wochenende? Nein, ein Vater-Sohn-Wochenende. Wir betonen also nicht das Wochenende, sondern den Teil „Vater-Sohn“. Und der Vater und der Sohn – die sind jetzt aber beide gleichrangig. Also betone ich innerhalb dieses Teils das Wort „Sohn“, das letzte Wort. Nicht Vater. Der Vater definiert nicht den Sohn genauer. Ja, ich betone das Wort Sohn, das letzte Wort. Denn der Vater und der Sohn sind gleichrangig.
Es gibt einige Wörter, bei denen keine dieser Regeln angewendet werden kann. Ich muss an der Stelle auch dazu sagen, dass man Komposita, die aus mehr als 3 Teilen bestehen bzw. generell, die sehr lang sind, in der Umgangssprache nicht benutzt, ganz einfach weil das dann meistens eben Wörter sind, bei denen es drauf ankommt, dass man ganz konkret sagt, ganz im Detail, worum es geht, ja, und so wirklich überaus konkret muss man vor allem im offiziellen Kontext sein, d.h. solche Wörter, ja, solche extrem langen Wörter, sind dann meistens Bezeichnungen von Gesetzen oder Versicherungen, was wir hatten, ja, oder sonstige offizielle Begrifflichkeiten. Ich habe lange recherchiert, wirklich lange und habe festgestellt, dass, wenn man solche besonders langen Wörter dann doch mal selbst benutzt, ja, dass dann viele deutsche Muttersprachler auch variieren bzw. dass bei bestimmten Wörtern ich ganz einfach verschiedene Wortakzente dann festgestellt habe. Und ich habe auch gemerkt, dass, je länger die Wörter werden, desto öfter es vorkommt, dass man eigentlich gar keinen Wortakzent mehr so richtig feststellen kann. Dazu zeige ich euch mal ein Beispiel in der Praxis: „Die Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, wird oft als psychische Störung geschrieben.“

So, das ist eben eine psychische Störung, kurz gesagt, wenn Menschen, oft betrifft das Kinder, sich nicht gut bzw. nicht lange konzentrieren können und dann hyperaktiv, also laut und unruhig werden.

Und hier kann man sehr gut hören, dass eigentlich alles betont wird, bis auf den Teil „Störung“, ja, weil wir wissen ja wieder, es ist eine Störung und mit all dem, was davor steht, definieren wir diese Störung. Aber dann sind das einfach zu viele Wörter, die man da aneinandergereiht hat, sodass es zu kompliziert wäre für unser Gehirn, dann noch zu sehen, welches davon jetzt was noch genauer beschreibt, ja, und so betont man dann halt einfach alles. Unser Gehirn geht ja immer den einfacheren Weg.

Für einige Wörter, oftmals Wörter die mit Bundes- oder Landes- beginnen und aus mehreren Teilen bestehen, könnt ihr euch merken, falls ihr sie denn mal benutzt, dass man diese entsprechende Silbe dann meistens nicht betont. Ja, hier betonen wir nicht die Silbe Bundes- oder Landes-. Das sind Begriffe, die man aufgrund des Föderalismus in Deutschland, ja, dadurch, dass wir eben eine Bundesregierung und dann die einzelnen Landesregierungen haben, auch immer wieder in den Medien anzutreffen sind, deshalb habe ich sie hier mit reingenommen. Das gilt nicht für solche Komposita, die nur aus zwei Teilen bestehen: z.B. Bundesregierung. Also da betont man „Bundes-„, oder Bundeskanzlerin, da betont man auch „Bundes-„. Aber wenn es dann mehrere Teile hat mit „Bundes-“ oder „Landes-„, dann betont man diesen Teil eben nicht.

Ein ganz wichtiger und nützlicher Tipp für euch und auch ganz allgemein, wenn es eben um die Betonung bzw. den Wortakzent von Komposita geht: Vertraut dabei immer auch auf eure Intuition und darauf, was ihr von anderen Kollokationen und Phrasen kennt. Ja, z.B. ist es ja im Deutschen generell so, dass wir Wörter, mit denen wir etwas genauer definieren, betonen. Zum Beispiel das schöne Haus, das große Haus, ja, mit den Adjektiven definieren wir ja das Nomen „Haus“ genauer, deshalb betonen wir diese Adjektive. Und genauso eben auch das Krankenhaus, das Nachbarhaus, das Abgeordnetenhaus. Haus bleibt unbetont.

Ja, und bei Wörtern, die gleichrangig sind, betonen wir immer das letzte, ja, beispielsweise Bus und Bahn, wir betonen Bahn. Die Aufgabe war interessant und anspruchsvoll. Anspruchsvoll wird stärker betont als interessant. Heute habe ich nur gegessen und geschlafen. Geschlafen. Also, auf die Intuition und euer Vorwissen vertrauen, das hilft bei Komposita wirklich.

Schreibt mir gerne in die Kommentare Wörter, die für euch schwer auszusprechen sind oder bei denen ihr euch unsicher seid, dann zeige ich die Aussprache gerne in einem Video.

Ihr lernt Deutsch mit Benjamin auf YouTube und ich freue mich auf euch im nächsten Video.

Über den Autor

Benjamin administrator

Schreibe eine Antwort